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Im Gespräch mit Bianca Bellová

Im Rahmen der zweiten Ausgabe unseres neuen monatlichen Lesekreises haben wir ein schriftliches Interview mit Bianca Bellová geführt. Die in Prag lebende Schriftstellerin gibt Einblick in die Entstehung ihres Buches „Toter Mann“ (Braumüller 2014, übers. von Mirko Kraetsch) und erzählt auch vom Leben in Zeiten des Coronavirus.

Wo liegen die Anfänge dieser Geschichte bzw. was stand als Allererstes fest? Begann es mit einer Idee, einem Thema, einer Figur oder etwas Anderem?

Ich habe die Dokumentation „Briefe aus der Todeszelle“ im Tschechischen Fernsehen gesehen, in der es um Abschiedsbriefe ging, die man im Nationalarchiv vorfand. Sie wurden von Häftlingen geschrieben, die in den 50er-Jahren zum Tode verurteilt worden sind. Die Häftlinge haben in der Nacht vor ihrer Hinrichtung ein Blatt Papier und einen einfachen Bleistift bekommen, um Abschied von ihren Nächsten, ihren Eltern, Kindern und Geliebten zu nehmen. Die Briefe zeugen von einem so großen Mut und einer moralischen Reife, dass man sie nicht lesen kann, ohne gerührt zu sein. Diese Briefe wurden nie an ihre Adressaten geschickt. Die Angehörigen haben deshalb doppelt gelitten – zum einen aufgrund des Verlustes, zum anderen aufgrund der Erniedrigung, der Tatsache, dass sie diese Seiten voller intensivster Emotionen nicht lesen konnten und keinen Schlussstrich unter das Trauma ziehen konnten.

Ist das typisch für Ihre Schreibpraxis?

Ja, im Grunde schon; eine Geschichte, ein Motiv oder ein Bild fesseln meine Aufmerksamkeit und wenn ich es auch nach einer längeren Zeit nicht loswerde – sei dieses Bild in meinem Bewusstsein oder Unterbewusstsein – dann ist mir klar, dass es eine gute Vorlage sein wird.

Wie reagierten die Kritiker auf das Buch? Kam es auch ähnlich bei den Lesern an?

Die Reaktion der Kritiker war wie immer gemischt. Das ist eine der ersten Sachen, an die man sich als Autor gewöhnen muss – die Texte, die man schreibt, werden nicht allen gefallen, es wäre unrealistisch zu denken, dass sie doch allen gefallen könnten. Ein Kritiker, der einen großen Einfluss in den Medien ausübt, behauptete zum Beispiel, dass mein Buch eine Schande für die tschechische Literatur sei. Was soll ich damit machen? Soll ich es den zwanzig ausländischen Verlegern, die die Rechte für dieses Buch gekauft haben, feierlich mitteilen? Ich würde sagen, dass es bei den Lesern schon anders ist, man findet natürlich viele, von denen man mit nur einem Stern bewertet wird, oder mit den Worten „weder gut noch schlecht“. :-) Während der Kritiker eine Rezension schreibt, weil er dafür bezahlt wird, liest ein Leser Bücher, weil er eine Unterhaltung sucht, gerührt werden oder etwas Neues erfahren will. Der Leser ist darauf vorbereitet, das Buch zu genießen, der Rezensent nicht. Ich versuche die Lektüre der Rezensionen meiner eigenen Texte zu vermeiden; ich weiß selbst am besten, wo ich Fehler gemacht habe. Ich bemühe mich, so zu schreiben, dass ich selbst mit meinem Text zufrieden bin. Genauso vermeide ich die Leser-Bewertungen auf den verschieden dazu eingerichteten Webseiten. Ab und zu schreibt mir aber ein Leser persönlich, dass ihn mein Buch angesprochen habe, ihn berührt habe oder dass er von dem Buch träumte. Diese Reaktion schätze ich am meisten – dass sich der eine oder andere Leser die Zeit nahm, meine Kontaktdaten zu suchen und mir etwas Schönes zu scheiben.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Ihr Roman „Jezero“  in acht Sprachen übersetzt worden ist (und die Rechte für die Übersetzung in weitere achtzehn Sprachen verkauft worden sind), während „Mrtvý můž“ bisher nur auf Deutsch erschienen ist?

 Das ist ziemlich einfach, „Jezero“ war das erste Buch, mit dem ich große Aufmerksamkeit gewonnen habe – außer dem tschechischen Literaturpreis Magnesia Litera für das Buch des Jahres habe ich auch den Literaturpreis der EU bekommen, das bedeutete mehr Medieninteresse, mehr Übersetzungen etc. Außerdem ist – denke ich – „Jezero“ für den Leser zugänglicher. Ich weiß, dass auch Leute diesen Roman gelesen haben, die üblicherweise eher nicht viel lesen. 

Wir erleben alle gerade eine sehr seltsame Zeit. Kommen Sie mit den Einschränkungen zurecht?  Was fehlt Ihnen im Moment besonders und worauf freuen Sie sich am meisten?

Für mich war die Veränderung nicht allzu drastisch, ich arbeite normalerweise von Zuhause aus. Unter der Eingrenzung der sozialen Kontakte leide ich auch nicht zu viel – es gibt doch digitale Plattformen für einen Austausch. Ich vermisse die Reisen zu meinen ausländischen Lesern und auch das Schwimmen, Schwimmbäder sollten aber in Tschechien ab nächster Woche  wieder geöffnet sein. Mein kanadischer Verleger hat Pleite gemacht, das bedauere ich sehr, weil es genau die Art von kleinerem solidem Verlag war, der in der Lage war, dem Buch genug Aufmerksamkeit zu widmen. Dass ich jetzt mehr Zeit habe und weniger reisen muss, hat dazu geführt, dass ich mir einen Hund gönnen konnte, den wir schon lange haben wollten. Und ich kann mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen, das ist ein Bonus, den es in dieser Form vermutlich nie wieder geben wird.

Welche Spuren wird die Corona-Krise Ihrer Meinung nach in der Gegenwartsliteratur hinterlassen? Stehen wir vor einer Welle von "Quarantäne-Romanen", in denen diese globale Pandemie eine große Rolle spielen wird?

Das ist schwer zu sagen, das sagt Ihnen keiner. Ich denke, dass die Autoren es selbst noch gar nicht wissen, das ist etwas, was Zeit zum Reifen braucht. Ich denke, dass nun – und das betrifft nicht nur Künstler – bestimmte Fragen aufgetaucht sind, die uns meistens nur unterbewusst beschäftigen – Gedanken über die eigene Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit, die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen und uns mit dem Wesentlichen zu beschäftigen. Es wäre ein Gottessegen, wenn unsere Literatur zu einem tiefen Einblick fähig wäre und sich vor ernsten Themen nicht scheuen würde. 

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Foto: Marta Režová