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Übersetzerwelten | Übersetzte Welten: Mirko Kraetsch

Begleitend zur Mai-Ausgabe unseres neuen Online-Lesekreises haben wir dem Übersetzer Mirko Kraetsch ein paar Fragen zu Bianca Bellovás „Mrtvý můž“ gestellt. Das Buch hat er 2014 unter dem Titel „Toter Mann“ ins Deutsche übertragen.

 

Wie kamen Sie zu diesem Buchprojekt? Haben Sie den Roman selbst vorgeschlagen oder kam der Verlag auf Sie zu?

Das kam vonseiten des Braumüller-Verlags. Deren Interesse geweckt hatte Edgar de Bruin, der schon seit vielen Jahren in Amsterdam (!) die Agentur Pluh/Ploeg betreibt. (Das Wort für „Pflug“ wird sowohl auf Tschechisch als auch auf Niederländisch nahezu identisch ausgesprochen und gibt zudem ein schönes Bild fürs literarische Vermitteln ab.) Er hat viele namhafte tschechische Autor*innen unter Vertrag, und dazu gehört Bianca Bellová.

Ursprünglich war ich nicht einmal als Übersetzer vorgesehen, aber im Rahmen der üblichen Unwägbarkeiten und Terminverschiebungen bin ich dann doch zum Zug gekommen. Zumal ich den Roman bereits kannte und für eine von mir moderierte Lesung mit der Autorin bei der Leipziger Buchmesse auch schon Auszüge übersetzt hatte.

Wie oft lesen Sie normalerweise ein Buch, bevor Sie anfangen, es zu übersetzen? War das auch bei „Toter Mann“ der Fall?

In diesem Fall ist es so, dass ich das Buch zuerst aus Interesse gelesen habe. Danach habe ich aus Anlass von zwei Lesungen einige Passagen übersetzt (finanziert vom Kulturministerium) und ein paar Jahre später dann den ganzen Text.

Aus dem Nähkästchen geplaudert: Ich übersetze ja am liebsten einen Text, den ich noch nicht kenne. Das hat damit zu tun, dass die erste Stufe im Übersetzungsprozess vor allem darin besteht, das sprachliche Material aus dem Tschechischen ins Deutsche zu wuchten. (Ich nenne das auch „schaufeln“.) Es geht darum, Wörter und Wendungen zu finden, die den Ausgangs¬text in möglichst allen Ebenen abbilden können und die für mich dann die Grundlage für den Feinschliff sind. In dieser ersten Version gibt es immer wieder unterschiedliche Varianten für ein Wort, oft schreibe ich mir auch den tschechischen Begriff mit hin, um später vielleicht ein noch besseres Pendant zu finden. Diese „Schaufelei“ ist trotz des etwas despektierlichen Begriffs eine sehr wichtige, aber eher monotone Arbeit. Definitiv größere Motivation verspüre ich, wenn mich die Handlung interessiert, wenn ich eben noch nicht weiß, was als nächstes passiert und wie’s ausgeht.

Allerdings funktioniert diese Methode nicht immer, bei sehr komplexen Texten kann man sich da schnell mal vergaloppieren und hat dann doppelt so viel Arbeit damit, alles vom Kopf auf die Füße zu stellen. In meinen vielen Jahren Praxis habe ich aber einen relativ guten Riecher dafür, auf welche Weise ich an einen zu übersetzenden Text rangehen sollte.

Wie viel Kontakt hatten Sie zur Autorin? Worüber haben Sie sich am meisten ausgetauscht?

Ich gehöre in die Kategorie „anstrengender Übersetzer“, denn ich schicke meinen armen Autor*innen immer lange Fragenlisten. Wobei ich die Betreffenden meist schon kenne und sie mich, und sie wissen, worauf sie sich einlassen. (Bei Erstkontakt frage ich natürlich erst einmal höflich, ob ich ein paar Fragen stellen darf, und schicke dann erst meine lange Liste.) Ein Vorteil für mich ist, dass sich alle freuen, wenn ihre Texte ins Deutsche übersetzt werden, weil das als Eingangstor zum Weltmarkt oder zumindest in andere, vor allem große Sprachen gilt. Darin sind sich alle Agent*innen (drei an der Zahl) für tschechische Literatur einig, sie werden beim Anbieten der Rechte ihrer Schützlinge etwa für den englischsprachigen Raum immer gefragt, ob’s schon eine Übersetzung ins Deutsche gibt.

Von Bianca Bellová weiß ich allerdings auch, dass es ihr ziemliche Mühe bereitet, sich mit ihren alten Texten zu beschäftigen, in ihren Gedanken wieder zu ihnen zurückzukehren. „Mrtvý muž“ ist 2011 erschienen, geschrieben hat sie das Buch also 2010 oder noch früher. Und ich habe es 2014 übersetzt. 2013 war bereits der Nachfolgetitel „Celý den se nic nestane“ erschienen, vermutlich hat sie sogar schon an „Jezero“ gearbeitet, das 2016 erschienen ist. (Auch mit einem Theaterstück war sie zwischendurch mal zu Gange.) Ich habe mich also bemüht, wirklich nur nach dem Nötigsten zu fragen. Und es konnte durchaus passieren, dass eine Frage auch mal mit „Oh, das weiß ich nicht mehr!“ beantwortet wurde.

Gab es irgendwelche sprachliche oder kulturelle Aspekte, die besonders schwierig waren, ins Deutsche zu übertragen?

Ein sprachlicher Aspekt, der generell beim Übersetzen aus slawischen Sprachen ins Deutsche problematisch ist, sind die Zeiten. Das Tschechische mit seinem Aspektesystem hat einen ganz anderen Umgang mit den grammatikalischen Zeitformen als das Deutsche – wenn hier ein Text in erzählendem Präteritum formuliert wird, landet man bei Rückblenden unweigerlich beim Plusquamperfekt mit seinen aufgeblähten Konstruktionen und dem sich ewig wiederholenden „hatte“. Da gilt es, Mittel und Wege zu finden, zeitliche Bezüge deutlich zu machen, ohne allzu kompliziert zu formulieren.

Beim Kulturtransfer bereiten oft die Zeitgeschichte und das aktuelle Geschehen Probleme, vor allem durch das in den beiden Sprachgebieten unterschiedliche kulturelle Unterbewusstsein. Zum Beispiel: Alle tschechischen Leser*innnen wissen, dass mit Pražské povstání der Prager Aufstand gegen die deutschen Besatzer vom 4. bis 9. Mai 1945 gemeint ist; für ein deutsch¬sprachiges Publikum (ich übersetze oft für österreichische Verlage) muss ich eventuell eine erklärende „stumme Fußnote“ in den Text schmuggeln oder, je nachdem, ein Glossar anlegen; klassische Fußnoten haben meiner Meinung nach in einem belletristischen Text nichts verloren. Beim Begriff Obecní národní výbor muss ich entscheiden, ob ich es als Gemeinde-Nationalausschuss übersetze (und eine Erklärung einfüge) oder ob ich zu Gemeinderat greife, den es aber in der Tschechoslowakei so nicht gegeben hat. Die Brüder Mašín sind in Tschechien legendär, im deutschen Sprachraum kennt kaum jemand die kleine, in der Gegend östlich von Prag operierende antikommunistische Terrorzelle der 1950er Jahre, die sich dann durch den Süden der DDR bis nach Westberlin durchgeschlagen (und  geschossen) und einen geheimen Einsatz von Tausenden kasernierten Volkspolizisten ausgelöst hat, der als „Tschechenkrieg“ bekannt wurde (und 2004 in einem Roman von Jan Novák aufgearbeitet wurde, dessen Comic-Adaption von Jaromír 99 auch ins Deutsche übersetzt wurde). Und das unschuldige Wort normalizace löst bei Tschech*innen eine lange Assoziationskette aus, angefangen beim politischen Tauwetter in den 1960er Jahren über die Niederschlagung des Prager Frühlings durch den Einmarsch der „Bruderarmeen“ am 21. August 1968 bis zur Rücknahme fast sämtlicher Reformen, was im offiziellen Sprachgebrauch eben zynisch als „Normalisierung“ bezeichnet wurde, die bis heute als bleierne Zeit des Stillstands und des Duckmäusertums in Erinnerung ist. Ganz vertrackt wird’s, wenn es in die Popkultur geht, mit Klassikern der tschechischen (Kinder-)Literatur, wie Ferda Mravenec (der zwar im deutschsprachigen Raum theoretisch als Ferdy, die Ameise bekannt ist, aber praktisch kaum jemandem geläufig) oder mit Fernsehserien und Unterhaltungsshows der 1970er. – Einige Beispiele des Gesagten finden sich ja auch im „Toten Mann“ wieder.

Sie sind in der DDR aufgewachsen. Denken Sie, dass das von Vorteil ist, wenn Sie Bücher wie dieses, die u. a. zu Zeiten des Sozialismus spielen, übersetzen?

Eher nicht. Zwar sind mir viele Gegebenheiten und Begriffe teils aus eigenem Erleben geläufig. Aber beim Übersetzen nützt mir das meist nicht viel, denn mein potenzielles Publikum ist über den ganzen deutschsprachigen Raum verteilt. Und dem kann ich mit meinen ostdeutschen Begriffen nicht kommen. Das wohl bekannteste Beispiel: In der DDR hieß Kunststoff Plaste, in der BRD Plastik. Da das Territorium meines Geburtslandes 1990 der Bundesrepublik beigetreten ist, gilt seitdem implizit auch das „Westdeutsche“ als nun allein gültige Sprachnorm. Wenn ich also mit meinem Wort Plaste ankomme, kann ich damit höchstens Lokalkolorit verströmen, denn so redet man ja nur „da drüben“, „auf dem Gebiet der ‚ehemaligen‘ DDR“. (Würde es irgendwem einfallen, vom „ehemaligen“ Römischen Reich zu sprechen? Also.) Im Endeffekt bewege ich mich da auf der Ebene von regionalen Varianten. Denn auch rheinländische, sächsische oder alemannische Begriffe würden den Text eindeutig verorten – und zwar falsch, wenn er in Tschechien spielt. Noch brenzliger ist es für mich dadurch, dass ich in der Regel Gegenwartsliteratur übersetze, in der Mündlichkeit eine große Rolle spielt. Und da stoße ich regelmäßig an Grenzen, denn Mündlichkeit in der deutschen Sprache ist fast immer regional konnotiert. Können Sie sich die Kämpfe vorstellen, wenn ein mitteldeutsch-berlinerisch geprägter Übersetzer mit einer ostösterreichisch geprägten Lektorin um die treffendsten umgangssprachlichen Wendungen feilscht? Ick sach dia, da legst di nieda.

2018 ist Ihre deutsche Übersetzung von Bellovás Roman „Am See“ bei Kein & Aber erschienen. Hat es Ihnen geholfen, dass Sie „Toter Mann“ bereits übersetzt hatten, oder sind die Werke zu unterschiedlich, dass Sie etwas aus der früheren Begegnung mit Bellovás Schreibstil wiederverwenden oder -verwerten konnten?

Die Texte – nicht nur die Bücher, auch die Kurzprosa – von Bianca Bellová sind sehr abwechslungsreich. Gemeinsam ist allen höchstens die Verwendung der gesprochenen Sprachvarietät, der obecná čeština. Was aber in der tschechischen Gegenwartsliteratur generell ein gern genutztes Stilmittel ist. (Und was im Deutschen wieder spezifische Probleme mit sich bringt, weil es eine überregionale gesprochene Varietät bei uns nicht gibt.) Ebenfalls typisch ist die teils deftige Wortwahl; mir ist bei „Toter Mann“ sogar vorgeworfen worden, dass ich diesen Aspekt zu sehr entschärft hätte. Ein wenig zurechtgestutz habe ich das in der Tat, was aber vor allem daran liegt, dass das Tschechische eine höhere Toleranz gegenüber Kraft¬ausdrücken hat als das Deutsche, wo das schnell mal allzu gewollt und überspannt wirkt. Und das sollte es nicht, das hätte der Intention des Originals nicht entsprochen. Finde ich.
Alles in allem war der Kontrast von „Toter Mann“ und „Am See“ so groß (und der aktuelle Titel „Mona“ ist wieder ganz aus einem anderen Holz geschnitzt), dass ich nichts aus meiner Arbeit am ersten Buch nutzen konnte. Außer den allgemeinen Erfahrungen natürlich.

Wie schwer ist Ihnen der Abschied vom Buch gefallen? Haben Sie die Figuren noch lange im Kopf herumgetragen?

So gut mir der Text an sich gefällt, so wenige Anknüpfungspunkte habe ich in ihm gefunden. Allen Figuren gegenüber bin ich eher distanziert geblieben, es war niemand dabei, den ich gern noch für längere Zeit in meinem Kopf oder anderswo mit mir herumgetragen hätte. Das ging mir übrigens im Fall der anderen Bücher, die ich von Bianca Bellová gelesen habe, nicht anders, es scheint also typisch zu sein. Sie selbst wirft ja auch einen eher distanzierten Blick auf ihr Personal und schaut zu (fast schon maliziös, wie mir vorkommt), wie sich die Protagonist*innen unter großen Entbehrungen durch das ihnen von der Autorin zugedachte Schicksal kämpfen müssen.

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