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Im Gespräch mit Alena Zemančíková

Im Rahmen der fünften Ausgabe unseres Lesekreises haben wir ein schriftliches Interview mit der Publizistin und Schriftstellerin Alena Zemančíková geführt. Sie gibt dabei Einblick in die Entstehung ihres Debütromans „Geschichte in indirekter Rede“ (KLAK Verlag 2019, übers. Von Daniela Pusch) und erzählt auch von ihrem literarischen Geschmack und ihrer persönlichen Suche nach dem Glauben.

Die unterschiedlichen Zeitebenen Ihres Romans wechseln sich regelmäßig ab, der Text hat einen Rhythmus. Die Kapitelnamen beschreiben nicht nur, sondern erklären auch zum Teil die Handlung. War das ihre Absicht und genau überlegte Taktik, oder ist die Struktur des Textes und die Kapitelnamen ziemlich spontan entstanden?

Wenn ich mich für eine der vorgeschlagenen Antworten entscheiden soll, würde ich sagen, dass es eine überlegte Taktik war. An dem Buch habe ich lange gearbeitet und die Struktur habe ich in der Tat durchdacht. Allerdings erst nachdem ich in dem Nachlass meiner Mutter einige Dokumente gefunden hatte, die ich in das Manuskript noch einarbeiten wollte. An dem Buch ist eigentlich nichts Spontanes.

Waren die Briefe, die der Bruder der Erzählerin während des Militärdienstes nach Hause schickte, fiktiv, oder hat jemand – sei es Ihr Bruder oder jemand anders – sie tatsächlich verfasst und verschickt?

Die Briefe, die mein Bruder während seines Militärdienstes schrieb, gehören zu den Dokumenten, die ich erst nach dem Tod meiner Mutter entdeckt habe. Sie sind leicht bearbeitet, aber nicht viel. Mir hat er während seines Militärdienstes nicht geschrieben, ich habe ihn während der Zeit auch nicht besucht. Er kam jedoch immer wieder zu mir nach Prag, als ich dort noch gewohnt habe. Dass er während des Militärdienstes unglücklich war (und dass er wegen seiner Allergien davon hätte befreit werden sollen), habe ich zwar gewusst, die Einzelheiten habe ich aber nicht gekannt.

Im Buch werden konkrete Orte und ihre Änderungen im Laufe der Zeit beschrieben. Über manche der Orte schreiben Sie auch als Journalistin für den Tschechischen Rundfunk. Unterscheidet sich in irgendeiner Weise Ihr journalistischer Zugang zum Text von Ihrem Zugang zum Romantext?

Ich hoffe, dass die Stellen im Buch, die mit den Orten im Grenzgebiet in Verbindung stehen, poetischer sind als meine journalistischen Texte. Auch wenn ich den poetischen Zugang zum journalistischen Text aktuell nicht ablehne, zum Beispiel wenn ich „Überlegungen am Morgen“ für das Radioprogramm Vltava schreibe.

Ihre „Geschichte in indirekter Rede“ wurde bisher nur ins Deutsche übersetzt. Denken Sie, dass sie für den deutschen Leser eine interessantere Botschaft hat als für andere europäische Leser?

Ich war überrascht, als mich mein deutscher Verleger darauf aufmerksam gemacht hat, dass der deutsche Titel eine tiefere Bedeutung hat als der tschechische. Unter „Geschichte“ kann man im Gegensatz zu „příběh“ nicht nur eine Erzählung verstehen, sondern auch die Vergangenheit im historischen Sinne.

Sonst kann ich es aber nicht einschätzen. Wenn ich selbst ein Buch eines ausländischen Autors/ einer ausländischen Autorin lese, in dem eine Zeit und ein bestimmtes Umfelds eine Rolle spielen, die ich nicht kenne, bin ich sehr interessiert und berührt und schätze so ein Buch mehr als das universale globalistische Schreiben. In dieser Hinsicht ärgert mich Bianca Bellovás Buch „Jezero“ [auf Deutsch als „Am See“ in der Übersetzung von Mirko Kraetsch bei Kein & Aber erschienen], das sehr attraktiv wie nach einer Vorlage der Zeitschrift National Geographic geschrieben ist. Sehr ergriffen war ich zum Beispiel von dem Buch „Piaskowa Góra“ [auf Deutsch als „Sandberg“ in der Übersetzung von Esther Kinsky bei Suhrkamp erschienen] der polnischen Schriftstellerin Joanna Bator. Die Handlung des Buches spielt in wiederbesiedeltem Niederschlesien ab. Ich denke, dass es interessant ist – aber nicht jede von uns kann halt Olga Tokarczuk sein.

Als Sie in Cheb (Eger) als Dramaturgin gearbeitet haben, wurden „Biblische Geschichten“ aufgeführt, Ihre Tochter hat außerdem das Kirchliche Gymnasium in Pilsen besucht. In Ihrem Roman wird auch die Idee einer „anständigen“ Beerdigung thematisiert. Welche Stellung haben Sie zur Kirche oder zur Religion im Allgemeinen?

Nach 1989 habe ich einen religiösen Glauben gesucht. Ich bin in einer atheistischen Familie aufgewachsen und seitdem ich ein Teenager war, ging es mir auf die Nerven, dass man zu Hause die atheistische Stellung gar nicht anzweifelte. In Starý Hroznatov (Altkinsberg), wo sich der Wallfahrtsort Maria Loreto befindet, der damals gerade aus Ruinen auferstand, war es ein alltägliches Thema. Den Glauben habe ich mit einer gerechteren Weltordnung verbunden sowie mit den Lehren des seligen Hroznata. Ich habe den damaligen Bischof von Pilsen, František Radkovský, geschätzt, wir haben öfters zusammen Radiobeiträge vorbereitet. Er hat mir dadurch imponiert, dass er sich gar nicht wie ein Prälat benommen hatte.

Das Kirchliche Gymnasium in Pilsen war jedoch für mich eine große Enttäuschung und für meine jüngste Tochter eine erschütternde Erfahrung samt Mobbing und willensschwächen Pädagogen, die von der Autorität der prominenten Familien aus Pilsen beeinflusst waren. Auf der anderen Seite hat dort als Spiritual der Dominikaner Vojtěch Soudský gewirkt, der die Schüler sehr unterstützt hat – er war aber ähnlich wie František Radkovský urprünglich Mathematiker gewesen.

Kurzum – bevor ich mich für die formelle Eingliederung in die Gemeinschaft der Christen, also für die Taufe, entschieden  habe, sind so viele Affären passiert und so viele gemeine Handlungen (zum Beispiel im Stift Tepl), dass ich entschloss, den Glauben für mich und unabhängig von der Kirche zu leben.

Unsere „Biblischen Geschichten“ und „Das Spiel über den Bruder Franziskus und seine Schwester Armut“ waren sehr von dem ökologischen Gedanken geprägt, es war „ein armes Theater“, durch das Alena Svatošová und ich etwas mitteilten, was nicht nur die damaligen Schüler und Studenten, sondern auch die Ordensgläubigen gar nicht wussten oder es in den biblischen Texten anders empfunden haben (mit Evangelien haben wir erst gar nicht angefangen). Damals waren die Spiele gut besucht, heute würden sie aber – so meine Befürchtung – keinen dramaturgischen Erfolg bedeuten.

Foto: Bob Pacholík