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Im Gespräch mit Eva Eisler

Eva Eisler ist eine international anerkannte Bildhauerin, Designerin und Schmuckkünstlerin. Ihre Arbeiten befinden sich u.a. im Metropolitan Museum of Art, im Cooper Hewitt Design Museum sowie in der Pinakothek der Moderne. Begleitend zum heutigen Instagram-Takeover haben wir mit ihr gesprochen und ihr einige Fragen gestellt. Im Interview erzählt sie mehr über ihr eigenes Werk sowie auch wie sie die Corona-Zeit erlebt.

Jemand, der so viel reist wie Sie, muss durch die aktuellen Reisebeschränkungen besonders betroffen sein. Denken Sie, dass wir gerade in einer Umbruchszeit leben, einer Zeit,  die  auch auf das tschechische Design Einfluss haben wird?

Die Reisebeschränkungen machen mir erst einmal nichts aus, ich wohne auf der Prager Kleinseite, am Teufelsbach (Čertovka), mit Blick auf die Karlsbrücke, und genieße die Ruhe und die Möglichkeit, die Stadt ohne Touristen erleben zu können.

Den Fernunterricht während des Sommersemesters habe ich als positiv empfunden, er lief online ab, die Studenten haben aktiv mitgearbeitet und versucht, die Zeit auf kreative Weise für ihre Arbeit zu nutzen. Die Ergebnisse sind überraschend gut. Wir haben viel darüber gesprochen, wie wichtig es ist, die Situation dazu zu nutzen, um über das Wesen der Dinge nachzudenken, und darüber, wie uns verschiedene Einschränkungen zu einer Erweckung und zum Finden einfacher Lösungen  bringen können. Man kann nicht verstehen, was Freiheit ist, ohne sie einmal verloren zu haben. Man kann nicht vollends verstehen, was eine Krise bedeutet, bevor man sie erlebt hat. Wann sonst, wenn nicht jetzt, gilt es, die Situation ernst zu nehmen und verantwortungsvoll an den Entwurfsprozess und die eigene Arbeit heranzugehen, Rücksicht zu nehmen auf Nachhaltigkeit, die Wiederverwendung von Materialien sowie auch auf Zeitlosigkeit und bleibende Qualität. Die Studenten setzten sich dieses Jahr mit Johann Amos Comenius’ Geschichte „Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens“ auseinander, die sie daran erinnern soll, dass es wichtig ist, den Weg zur Beruhigung des Gemüts zu suchen, zum Eliminieren des Unwesentlichen, den Weg ins eigene Herz und zum inneren Gewissen.

Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Verständnis von der antiken oder mittelalterlichen Kunst für die zeitgenössische Kunst? Nehmen Sie im Bezug darauf Unterschiede in der Entwicklung der europäischen und der amerikanischen Kunst wahr?

Eine interessante Frage. Obwohl ich keine Kunsthistorikerin bin, versuche ich, sie knapp zu beantworten. Die Epoche, die wir Antike oder Altertum nennen, dauerte zwanzig Jahrhunderte und  in verschiedenen handwerklichen oder künstlerischen Bereichen bedeutete sie immense Entwicklung. Diese können wir beispielsweise beim Studium antiker Skulptur bemerken, die die Bemühungen um das Erreichen der göttlichen Schönheit und der Vollkommenheit gut dokumentiert. Zu sehen ist eine Änderung, die sich von starren Gesichtsausdrücken stufenweise bis zu dynamischen Figurengruppen mit einem Ausdruck von Emotionen vollzieht. Die mittelalterliche Kunst stand in enger Verbindung mit kirchlichen Motiven und erst in der Renaissance kam es zu einer Rückkehr zur antiken Philosophie und zum Aufblühen der Wissenschaft. Die Vielfalt der Interessen und Aktivitäten der Renaissance-Künstler führte zur Entfaltung eines humanistischen und individuellen Ausdrucks. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die Kunst als eine Reflexion über das menschliche Empfinden der Natur und des Kosmos entsteht. Die historische Entwicklung der europäischen Kunst muss man aber auch im Kontext der politisch-gesellschaftlichen Ereignisse sehen, das Gleiche gilt für die amerikanische. Letztere hatte einen Aufschwung am Anfang des 20. Jahrhunderts erlebt – dank der Ausstellung moderner europäischer Kunst in New York im Jahr 1913 und der Emigration zahlreicher europäischer Künstler in der Zwischenkriegszeit.

Bei der Vorbereitung Ihrer jüngsten Ausstellung in der Villa Jukovič in Brünn haben Sie die Villa nicht nur als Ausstellungsraum betrachtet, sondern auch als einen Ort, der bewohnt war und der eine Geschichte hat. Hat sich Ihre Vorbereitung auf die aktuelle Ausstellung in der Villa Winternitz in Prag in diesem Sinne unterschieden?

Die Villa Jurkovič wurde im Jahr 1906 gebaut, die Villa Winternitz dagegen 26 Jahre später. Die Familie von Jenny und Josef Winternitz, die in den frühen dreißiger Jahren in die Villa von Adolf Loos umgezogen ist, konnte das Leben in dem modernen Haus nicht lange genießen. Nach ein paar Jahren nahm das tragische Schicksal der jüdischen Familien seinen Lauf, ihnen wurde sowohl das Recht auf Eigentum als auch die menschliche Würde genommen. Die heutigen Eigentümer der Villa sind Nachfahren der ursprünglichen Eigentümer und kümmern sich um das Haus mit großem Respekt und Achtung.

Dinge, Objekte, Räume und Häuser nehmen wir im Kontext der Umgebung wahr, in die wir sie setzen. Die Form der Glasplastik habe ich deswegen für diese Ausstellung gewählt, weil beim Bau bemerkenswerter Häuser die Zusammenarbeit und die Übereinstimmung des Architekten und des Auftraggebers immer eine wichtige Rolle spielt. Der Auftraggeber und zukünftige Eigentümer haucht dann dem Haus neues Leben ein. Die Venusfiguren aus Hüttenglas sind in diesem Fall ein Symbol der Patronin zeitloser Werte.

Was denken Sie über das ehemalige Kloster St. Gabriel in Prag, wo dieses Jahr das Designfestival Designblok stattfinden wird?

Ich war dort, um ehrlich zu sein, noch nicht. Das historische Gebäude kenne ich lediglich von draußen, das Interieur trägt angeblich Spuren von der langjährigen Nutzung verschiedener staatlicher Institutionen der Post. Das K.O.V. Studio nimmt aber am diesjährigen Designblok wieder teil, und zwar mit dem Thema „GEBURT“ – Inspiration durch die Natur. Mit dem Thema wird daran erinnert, dass das menschliche Leben auf der Erde untrennbar mit der Natur und der unerschöpflichen Quelle der Erkenntnis verbunden ist. Unsere Studien ausgewählter Naturalien werden in Bronze oder Silber mit dem Wachsausschmelzverfahren realisiert. Wir werden nicht versuchen, die uns zugeteilten Räumlichkeiten im Kloster aufwändig zu ändern, sondern nur spontan so umzugestalten, dass sich die Installation entfalten kann.

Wo verbringen Sie in Prag am liebsten ihre Zeit? Haben Sie auch in München einen Lieblingsort?

Wie ich schon erwähnt habe, wohne ich in Prag auf der Kleinseite, in einem Ort, den man Prager Venedig (Pražské Benátky) nennt. Der Genius loci und die Geschichte des Ortes ist einzigartig, in der Nähe befinden sich die Insel Kampa und der Hügel Petřín, hier bin ich glücklich.

In München verbringe ich gerne Zeit in den Museen, ich wohne gerne in Schwabing und meine Lieblingsorte sind die Villa Stuck (das Jugendstil-Museum) und das Haus der Kunst.