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Im Gespräch mit Jaroslav Kalfař

Im Rahmen der ersten Ausgabe unseres neuen monatlichen Lesekreises haben wir ein schriftliches Interview mit Jaroslav Kalfař geführt. Der 1988 in Prag geborene Schriftsteller gibt Einblick in die Entstehung seines Romandebüts „Eine kurze Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ (Tropen 2017, übers. von Barbara Heller) und erzählt auch vom Leben in Zeiten des Coronavirus.

Was sind für Sie die Hauptthemen des Romans? Hätten diese auch in einem anderen Setting funktionieren können?

Von Anfang an war der Roman eine Studie der Einsamkeit. Was sie mit dem Individuum macht, wie jeder Mensch sie wahrnimmt, was man daraus lernen kann. Dieses Thema hing für mich unvermeidlich mit der Raumfahrt zusammen, denn ich konnte mir keine feindseligere oder einsamere Umgebung für einen Menschen vorstellen. Der Weltall liegt nicht nur weit entfernt und ist gefährlich für den fragilen menschlichen Körper, sondern – wie ich von Astronauten erfahren habe – wirft auch große existentielle Fragen auf, liefert einen Kontext für das Leben außerhalb des banalen irdischen Alltags. Ich wollte meinen Protagonisten weit weg von allen Bequemlichkeiten halten, entfernt von der ihm bekannten Welt. Ich wollte ihm alles wegnehmen, was ich konnte, und schauen, ob er geistig fit bleibt und vielleicht sogar heimkehrt. Diese Umgebung der perfekten Isolation war auch vom Vorteil für andere Themen, mit denen ich mich gerne beschäftigen wollte: die Idee von Zuhause, der Preis von Ehrgeiz, was es einem kostet, für die Schuld der Familie zu bezahlen. In der Isolation des Alls gewannen all diese Themen an Bedeutung im Kopf des Raumfahrers.

In früheren Interviews haben Sie erwähnt, dass das Buch als eine Erzählung über einen amerikanischen Astronauten anfing. Wie kam es dann zum tschechischen Astrophysiker Jakub Procházka?

Die Kurzerzählung über einen amerikanischen Astronauten wurde zu einem Roman über einen tschechischen, als mich ein Professor an der New York University gefragt hat, wieso ich nicht über mein Land schreiben wollte. Alles, was ich wollte, war über mein Land zu schreiben! Aber das würde zwangsläufig wehtun und unangenehme Fragen aufwerfen – ob es richtig war zu gehen, ob ich zurückkehren soll, wie sehr mir die Sprache und die Menschen fehlten. Aber sobald die Idee ausgesprochen war, „tschechischer Astronaut fliegt ins All“, entfaltete sich vor meinen Augen die ganze Geschichte von Jakub und Lenka und Hanuš. Es war die perfekte Mischung aus allen Themen, mit denen ich mich in meinem ersten Roman auseinandersetzen wollte. Einsamkeit, die Geschichte meines Landes, die politischen Kosten systemischer Veränderungen, das Schicksal kleiner Nationen. Die Zerbrechlichkeit der Liebe.

Als ein in den USA lebender Romanautor, der in der Sprache schreibt, die er erst als Jugendlicher gelernt hat, befinden Sie sich in sehr guter Gesellschaft mit SchriftstellerInnen wie Aleksander Hemon und Téa Obreht, aber vermutlich besteht auch die Möglichkeit oder Gefahr, dass Ihre Werke unter die Überschrift der immigrant literature subsumiert werden. Ist das ein Begriff mit dem Sie etwas anfangen können oder den Sie für von Bedeutung für Ihre Arbeit halten? Wurde er angewendet, als das Buch herauskam, oder hat die Frage, inwieweit Ihr Erstling als Science-Fiction zu betrachten sei, eher solche Überlegungen in den Hintergrund gerückt?

Mein Roman fällt auf alle Fälle unter die Kategorie der immigrant literature und ich bin sehr stolz darauf! Immigrant literature ist mein größter Einfluss, obwohl ich (naiverweise, vielleicht) hoffe, dass wir auf eine Zeit zusteuern, wo wir diesen Begriff und den größeren Projekt der „globalen“ Literatur zusammenführen können. Ich verachte den Nativismus in allen Formen, und während die Welt immer globaler wird, hoffe ich, dass die Literatur eine Rolle spielen kann, Leute davon zu überzeugen, dass Offenheit gegenüber der Idee von „Anderswo“, das Zusammenwachsen von Welten, und die Anerkennung von Menschen, die anders denken und aussehen als wir, dazu führen werden, dass die Welt für uns alle besser wird. Mein Verlag betrachtete das Buch als ein literarisches Science-Fiction-Abenteuer und ein Stück tschechisch-amerikanische Literatur zugleich, und dafür, dass sie diese beiden Charakteristika erkannt und genauso geschätzt haben, werde ich ihnen immer dankbar sein.

In tschechischen Buchhandlungen findet man Veronika Volhejnovás Übersetzung von Ihrem Roman in den Regalen unter „česká literatura“. Hatten Sie beim Schreiben den Eindruck, dass Sie an einem tschechischen Roman arbeiten?

Absolut! Als Auswanderer fühlt man sich beim Schreiben über das eigene Land immer ein wenig befangen, da die Heimat uns fehlt, und wir sie gerne positiv und auch ehrlich darstellen möchten.  Aber ich habe diese Angst aufgegriffen und beschloss, dass „Eine Geschichte der böhmischen Raumfahrt“ mein Liebesbrief an Prag, an die tschechische Landschaft sein würde, während ich auch über unsere komplizierte Vergangenheit und deren Implikationen für die Zukunft des Landes nachdachte. Es war von Beginn an mein Ziel, einen charakteristisch tschechischen Roman zu schreiben, ich wollte den schwarzen Humor, den Absurdismus, das feine Gefühl für den historischen Kontext, und die Leidenschaft für verrückte Figuren, was die tschechische Literatur, wie sie von den alten Meistern geschrieben wurde, ausmacht, miteinfließen lassen.

Inwieweit konnten Sie die tschechische Übersetzung mitbeeinflussen? Hat die Übersetzerin irgendwelche Entscheidungen getroffen, die Sie besonders überrascht oder gefreut haben? Was für kreative Lösungen hat sie sich für schwierige Passagen einfallen lassen?

Das tschechische Manuskript hat mich angenehm überrascht, denn Veronika Volhejnová hat den Ton der Erzählstimme makellos eingefangen, als wäre das Buch von Anfang an auf Tschechisch verfasst gewesen. Ich hatte sehr wenige Anmerkungen zur Übersetzung, und unsere Meinungsverschiedenheiten bezogen sich vor allem auf die Fakten des Gartenbaus, wenn Sie das glauben können. Es war eins der seltsamsten, wunderbarsten Gefühle, die ich je als Autor erlebt habe – dass das Buch sich so natürlich in meiner Muttersprache liest, obwohl ich es eigentlich in einer Sprache verfasst habe, die ich gelernt habe und die mir gar nicht natürlich zufällt.

Da Sie in New York wohnen, muss es im Moment eine sehr surreale und schwierige Zeit für Sie sein. Woran arbeiten Sie aktuell und was tun Sie gegen Lagerkoller unter den Ausgangsbeschränkungen? Haben Sie etwas bei Ihren Recherchen zur Raumfahrt gelernt, das sich jetzt als nützlich erwiesen hat?

Ich darf gerne mitteilen, dass ich gerade mein zweites Buch für die Veröffentlichung zusammen mit meinem Lektor vorbereite! Bald sollte ich mehr dazu offiziell sagen können. Dieses zweite Buch ist viel umfangreicher und komplizierter, und hat mich deshalb sehr beschäftigt. Mein drittes Buch ist auch in Aussicht und ich freue mich schon darauf, damit anzufangen. Glücklicherweise verbringe ich ohnehin viel Zeit in Isolation, das Alleinsein ist mein größtes Glück, und daher machen mir die Beschränkungen gar nichts aus! Aber natürlich mache ich mir große Sorgen um die Verwüstung, die sich rundherum ereignet, um das bröckelnde amerikanische Gesundheitssystem, das Gespenst des Todes, das die Straßen New Yorks heimsucht, den finanziellen Notstand, der die Krise für Arbeitnehmer auslösen wird, die Tatsache, dass aufstrebende faschistische Regierungen, die in Ländern wie den USA  Fuß gefasst haben, die Krise benutzen werden, um ihre Machtposition zu stärken…wir leben in einer Zeit von großen Umbrüchen und sozialen Transformationen. Wir brauchen große Ideen und Möglichkeiten, diese umzusetzen. Unabhängig davon, wie wohl ich mich isoliert zu Hause fühle, ist es mir sehr daran gelegen, hinauszugehen und mit der Arbeit zu beginnen, die gemacht werden muss, damit wir die Welt vom Rand des Abgrunds zurückholen können.

Wie würde Jakub Ihrer Meinung nach mit der Ausgangssperre klarkommen?

Ich denke, dass Jakub diese Isolation in vielerlei Hinsicht begrüßen würde. Sie würde ihm Zeit geben, um wirklich sich selbst zu sein, um damit aufzuhören, Aspekte seiner Vergangenheit und seines Charakters vor anderen zu verstecken. Er würde wahrscheinlich darum bitten, dass Sternenstaub-Proben ihm ins Heimlabor geschickt werden. Er würde viele Nutella-Sandwiches zu sich nehmen. Er würde ein bisschen zu viel Whiskey trinken. Er würde vom All als Auswegmöglichkeit träumen. Aber, wie viele von uns, würde er sich große Sorgen darum machen, dass die Welt so schutzlos ist gegenüber Strongman-Politikern, falschen Symbolen, den Launen von Despoten. Gerade in Zeiten wie diesen muss ein Träumer wie Jakub seine ruhige, poetische Wesensart mit dem unschönen Dröhnen der Gefahren, die unserer Welt gegenüberstehen, in Einklang bringen.

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Foto: Helen Melville