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Im Gespräch mit Markéta Pilátová

Im Rahmen der dritten Ausgabe unseres neuen monatlichen Lesekreises haben wir ein schriftliches Interview mit Markéta Pilátová geführt. Die Schriftstellerin gibt dabei Einblick in die Entstehung ihres Kurzromans „Der Held von Madrid“ (Wieser Verlag 2019, übers. von Sophia Marzolff).

Was war Ihr größtes Anliegen beim Schreiben dieses Buches? Ging es Ihnen etwa in erster Linie darum, auf das in Vergessenheit geratene Schicksal von Männern wie František aufmerksam zu machen oder hat eine andere Motivation Sie zum Schreibtisch gebracht?

Die Geschichte hatte schon lange im Kopf, aber es war Jan Cempírek, ein Verleger aus Budweis, der mir den Anstoß gegeben hat. Er gibt Bücher heraus, die in irgendeiner Weise im Zusammenhang mit Budweis stehen, und ich habe ihm erzählt, dass viele Interbrigadisten aus Budweis und der Umgebung stammten, und so haben wir vereinbart, dass ich für den Verlag Pikador eine Novelle über sie schreibe.

Hätte die Prämisse der Novelle auch mit einer tschechischen anstatt einer spanischen Studentin funktioniert, oder war es für Sie zwingend notwendig, dass Carmen aus dem Land stammt, für das František gekämpft hat?

Das Vorbild für Carmen war meine Freundin Camen González, die aus Santiago de Compostela kommt und der ich bei der Doktorarbeit geholfen habe. Sie hat über die tschechischen Interbrigadisten gechrieben, wir gingen zu ihnen nach Hause und schrieben ihre Geschichten nieder, ich habe gedolmetscht, obwohl Carmen sehr gut Tschechisch konnte. Deswegen habe ich Carmen auch als eine literarische Figur benutzt, aber sie ist der wirklichen Carmen in mancher Hinsicht sehr ähnlich.

Sowohl in Spanien, als auch in Tschechien gibt es dunkle Kapitel der Geschichte, über die lange geschwiegen worden ist und zum Teil noch geschwiegen wird. Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie in der Aufarbeitung der Vergangenheit in den beiden Ländern und wodurch unterscheiden sich die jeweiligen „Kulturen des Vergessens“?

Die Zeit des Bürgerkriegs in Spanien war viel blutiger und die Spanier haben große Angst davor, dass die bis heute noch geteilte Gesellschaft wieder in Konflikt geraten könnte. Daher reflektieren sie viel über den Bürgerkrieg, kehren immer wieder zu diesem für sie traumatischen Thema zurück, verarbeiten es belletristisch, erforschen und verfilmen es, bereiten Ausstellungen vor, kurzum – sie machen alles, um zu verstehen, was damals eigentlich passiert ist. Die Qualität ihrer historischen Forschung sowie die Menge an Informationen und wissenschaftlichen Arbeiten lässt sich nicht damit vergleichen, wie die Tschechische Republik mit der Vergangenheit umgeht. Hier wird oft eher höflich geschwiegen und die Leichen im Keller werden nicht herausgeholt und ans Licht gebracht, anderseits musste Spanien bei dem Übergang zur Demokratie einen sogenannten „fetten Strich“ machen und in Galicien, z. B., gab es noch lange franquistische Politiker in der Regierung. Diese Situation ähnelt der bei uns, wo die Kommunistische Partei nicht verboten wurde und weiterhin und immer mehr erfolgreich die tschechische politische Szene beeinflusst.

Wäre es für Sie wichtig, dass das Buch eines Tages auch auf Spanisch erscheint? Hätte es eine andere Botschaft für den spanischen Leser als für den tschechischen oder deutschen?

Ich wäre froh, wenn man das Buch in Spanien herausbringen würde und es helfen würde, darauf aufmerksam zu machen, dass auch viele Tschechoslowaken ihr Leben für Spanien opferten.

Sie haben eine starke Verbindung nach Lateinamerika und haben in Brasilien und Argentinien gelebt, Ländern die gerade von der Corona-Krise besonders stark betroffen sind. Wie geht es Ihren KollegInnen dort? Gibt es vergleichbare Initiativen wie die deutsch-tschechische Corona-Geschichten, für die Sie auch einen Beitrag verfasst haben?

Die Situation in Argentinien und Brasilien untscheidet sich vor allem daruch, wie die dortigen Politiker damit umgehen. In Braslien gibt es einen „Leugner“-Präsidenten und daher haben die Menschen ein Gefühl von Verwirrung, die Gouverneure der jeweiligen Bundestaaten sagen ihnen eins und der Präsident etwas andres...viele Künstler sind jedoch aktiv, z. B. meine Lieblingssängerin Adriana Calcanho tto, die während der Ausgangssperre eine neue CD herausgebracht hat, alle versuchen, die Situaltion auf kreative Weise zu bewältigen, was allerdings sehr schwer ist, da in Lateinamerika der Wolfahrtstaat nicht so etabliert ist und es keine Staatshilfen gibt. In manchen Ländern gibt es gar kein Wolfahrtssystem. Und die Unterstützung des Staates im Bereich der Kultur steht in diesen Ländern immer an letzter Stelle. Die Lateinamerikaner haben jedoch einen großen Vorteil gegenüber uns Europäern, denn an ein gewisses Lebenschaos sind sie gewohnt und kommen mit ihm viel besser klar, weil sie nicht solche soziale Sicherheiten wie wir in Europa haben.

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Foto: Jiří Sobota