Česká centra, Czech Centres

Česká centra / Czech centres - logo

Aktuelles

Alle Nachrichten

Übersetzerwelten | Übersetzte Welten: Ondřej Cikán

Außergewöhnliches Fundament: Der Übersetzer und Verleger Ondřej Cikán hat einen der Grundsteine der tschechischen Literatur ins Deutsche übertragen. Im Rahmen unserer Reihe „Übersetzerwelten | Übersetzte Welten“ haben wir ihm ein paar Fragen zu seiner Übersetzung des berühmten Liebesepos von Karel Hynek Mácha sowie auch zu seinem Verlagsprogramm gestellt.

Was hat Máchas Mai dem modernen Leser zu bieten?

Die Liebe, der Tod, die Verbundenheit mit der Erde und die Sehnsucht nach der vergangenen Kindheit sind zeitlose Themen. Mácha hat es geschafft, diese Themen in einer überwältigenden, lautmalerischen und bilderreichen Sprache darzustellen. Somit ist sein Liebesepos Mai nicht nur inhaltlich spannend, sondern auch formal mitreißend. Ich finde, dass man den Mai mit einem Spielfilm voller ausgeklügelter Spezialeffekte vergleichen könnte, nur dass er viel mehr Platz für Phantasie bietet. Nicht zuletzt ist der Mai aber auch das Fundament der tschechischen Literatur, und zwar ein außergewöhnliches Fundament. Während die „Nationaldichter“ der meisten Länder sich durch einen möglichst klaren, realistischen Stil auszeichnen, setzt Mácha auf Kombinationen traumartiger Bilder. So diente er 100 Jahre nach seinem Tod den tschechischen Surrealisten und Poetisten als eines ihrer Vorbilder, und so hat sich die tschechische Literatur, und Kunst überhaupt, sehr stark in Richtung Poesie entwickelt. Wer sich also ein bisschen für die Kultur unseres Nachbarlandes interessiert, sollte sich eine Stunde Zeit nehmen und den Mai lesen.

Warum hat, denken Sie, bisher noch kein anderer Übersetzer es versucht, die formale Ebene des Gedichts so originaltreu einzufangen wie Sie?

Der Mai ist auch deswegen so schön, weil Mácha die Versmaße je nach Szene stark variiert und sich über weite Strecken zahlreiche rhythmische Freiheiten erlaubt. Die sieben Übersetzer vor mir haben Máchas Verse in reine, völlig regelmäßige Jamben gebracht, um sich an vermeintliche Normen der deutschen Dichtung anzupassen. Das hatte zwei Dinge zur Folge: Einerseits klingen die bisherigen Übersetzungen aufgrund des immer gleichen Rhythmus monoton, andererseits entfernen sie sich aufgrund dieser Einschränkung inhaltlich oft weit vom Original. Ich habe hingegen Máchas rhythmische Varianten und Freiheiten eins zu eins übernommen. Somit klingt meine Übersetzung so abwechslungsreich wie das Original, und aufgrund der Freiheiten konnte ich zum Großteil auch inhaltlich viel präziser und zugleich lautmalerischer vorgehen.

Ihre neue Übersetzung des Mai ist im März erschienen und somit ein bisschen der Corona-Krise zum Opfer gefallen. Sie mussten viele Lesungen absagen und auf Online-Formate umsteigen. Haben Sie dabei etwas gelernt oder ein Format gefunden, das Sie auch gerne in der Zukunft beibehalten möchten?

Der Verlag Kētos hatte das ganze Jahr 2019 auf den Frühling und die Leipziger Buchmesse 2020 hingearbeitet, und die abgesagten Veranstaltungen waren somit sehr bitter. Online-Formate können den physischen Kontakt nicht ersetzen, schon gar nicht, wenn plötzlich alle anfangen, sich im Internet sichtbar zu machen. Natürlich wäre es interessant, sich nach dem Vorbild der Influencer und Profi-Gamer eine riesige Internet-Gemeinde aufzubauen, aber das geht nicht von einem Tag auf den anderen. Den Mai habe ich jedenfalls als Ganzes für unseren YouTube-Kanal eingelesen, und ich glaube, dass das Video recht hübsch geworden ist.

Ihr Verlag hat ein sehr anspruchsvolles Programm, relativ weit weg vom literarischen Mainsteam. Gibt es einen „idealen“ Kētos-Leser? Für wen veröffentlichen Sie diese Werke und nach welchen Kriterien suchen Sie sie überhaupt aus?

So anspruchsvoll ist unser Programm zum Großteil gar nicht, im Gegenteil: Wir machen abenteuerliche, spannende Dichtung und poetische Abenteuerromane, und das vor allem in Übersetzungen aus dem Tschechischen. Die Literatur soll unserer Meinung nach auf unterschiedliche Weise Freude bereiten. Es mag sein, dass das nicht der Mainstream ist, aber es sollte der Mainstream werden. Wenn die Literatur überleben soll, dann muss sie sich auf ihr ureigenes Medium besinnen, und das ist die Sprache, und die Sprache kann überwältigend sein. Informationen übermitteln und eine Handlung darstellen kann jede Fernsehserie. Unsere Bücher sind also für jeden gedacht, der sich an ihnen erfreuen will. Zugleich bieten wir bei unseren Übersetzungen aber auch einen Bonus für die Wissenschaft. Das Nachwort zum Mai enthält zum Beispiel eine ausführliche Bibliographie aller bisherigen Übersetzungen, auch ins Bengalische oder Japanische. Solche Anhänge jagen zwar manchen Lesern Angst ein, aber wir finden, dass sie unseren Büchern einen großen Mehrwert verleihen. Ich würde mir jedenfalls wirklich wünschen, dass die vielen Tschechen, die deutschsprachige Freunde oder Verwandte haben, ihnen unsere Máchas und Březinas und Nezvals und Váchals und Lazarovás und Krchovskýs unter den Christbaum legen.

Wie geht es jetzt bei Kētos weiter? Worauf können wir uns in den kommenden Monaten oder Jahren freuen?

Wir machen weiter mit dem Querschnitt durch die tschechische Dichtung. Auf den Symbolisten Otokar Březina folgt noch dieses Jahr der Symbolist Karel Hlaváček, der übrigens noch jünger gestorben ist als Mácha. Nächstes Jahr nehmen wir dann die interessante Strömung des „Totalen Realismus“ in Angriff, die sich in den 1950er Jahren aus dem Surrealismus heraus und in Opposition zum Sozialistischen Realismus entwickelt hat. Und da wir schon bei den -ismen sind: Nach so vielen Übersetzungen erlauben wir uns jetzt auch unseren Musismus voranzubringen. Das Manifest des Musismus erscheint spätestens nächstes Jahr im Frühling, zweisprachig auf Tschechisch und Deutsch. Und dazu bringen mein Kollege Anatol Vitouch und ich nun endlich wieder auch eigene Gedichte heraus. Den Anfang macht meine tschechische Sammlung Nejsladší potrava („Süßeste Nahrung“), die schon in Druck ist, nächstes Jahr folgen dann auch unsere Gedichte auf Deutsch.

Die Bayerische Staatsbibliothek hat im Sommer dieses Jahres zwei große Bücher des tschechischen Grafikers Josef Váchal (1884–1969) gekauft…

Ja! Darüber habe ich gejubelt, und es ist geradezu eine Sensation. Josef Váchal war ein extrem vielseitiger Künstler, Grafiker und Autor, der unter anderem neue Techniken des Farbholzstichs entwickelt hat, eigene Lettern goss und das Schriftbild als zusätzliche Illustrationsebene nutzte. Seine extrem aufwendigen Bücher druckte er in Niedrigstauflagen, und sie waren schon in der Zwischenkriegszeit so teuer, dass sie sich kaum jemand leisten konnte. Ich hoffe, dass die Bayerische Staatsbibliothek Josef Váchal bald eine Ausstellung widmet. In unserem Verlag ist meine Übersetzung seines höchst unterhaltsamen Werks Der blutige Roman erschienen, dessen Nachdrucke in Tschechien heute Dauerbestseller sind. Wir haben die Übersetzung Absatz für Absatz gleich wie das Original gesetzt, um die vielen grafischen Pointen übernehmen zu können, und unsere Ausgabe enthält den überhaupt ersten Kommentar dieses mit irrwitzigen Anspielungen gespickten Buchs. Der Kommentar erscheint nun übrigens auch auf Tschechisch in überarbeiteter Fassung.

Ondřej Cikán, geboren 1985 in Prag, lebt seit 1991 in Wien, studierte Altgriechisch und Latein, ist Übersetzer, Autor und Verleger.