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Neues aus der Kulturhauptstadt Pilsen Nr. 6

7.1.2015 Das belgische Mons und das tschechische Pilsen werden Kulturhauptstädte 2015.Das belgische Mons setzt auf van Gogh, das tschechische Pilsen auf sein Image als Stadt des Biers.

Menschliche Leuchtkugeln, Mitternachtssonnen, phosphoreszierende Drachen, fliegende Zirkuskünstler: Mons wirbt für seinen Start ins Kulturhauptstadtjahr 2015 mit Spektakulärem. Damit will die Stadt in der Wallonie am 24. Januar bis zu 100 000 Besucher anlocken. Auch im tschechischen Pilsen wird es bei der Eröffnungszeremonie zum Kulturhauptstadtjahr am 17. Januar artistisch zugehen: Der Schweizer Seiltänzer David Dimitri wird auf einem Hochseil über den zentralen Platz der Republik laufen. Dazu gibt es ein Videoprojekt - der Rest, so Programmchef Petr Forman, soll eine Überraschung sein“.

Die beiden Städte sind finanziell unterschiedlich gut ausgestattet für ihr Kulturjahr, Mons mit 68 Millionen Euro, Pilsen mit nur 20 Millionen. Auf die Beine gestellt wird hier wie dort jedoch viel. Für Mons verspricht Yves Vasseur, der Intendant des Kulturhauptstadtprogramms, rund 300 Veranstaltungen, darunter 20 große Ausstellungen. Als Highlight gilt die van Gogh-Ausstellung, die am 25. Januar eröffnet wird, ein Werkschau mit rund 70 Gemälden und Zeichnungen. Der niederländische Maler Vincent van Gogh hatte zwischen 1878 und 1880 als Hilfsprediger in dem Bergarbeiterdorf Borinage in der Nähe von Mons gelebt. Im April sollen dann gleich fünf Museen eröffnet werden, darunter die in einer Kapelle untergebrachte Artothèque für regionale Kunst und Kulturgeschichte, das Feuersteinmuseum in Spiennes und das Musée du Doudou, das dem bekannten Drachenkampf zu Ehren der Schutzheiligen Waltrudis gewidmet ist.

Mit gut 90.000 Einwohnern ist Mons eine der kleinsten Kulturhauptstädte überhaupt

Einen Schock erlebte Mons allerdings, als an Heiligabend eine große Kulturhaupstadt-Freiluftinstallation des flämischen Künstlers Arne Quinze mitten in der City in sich zusammenstürzte. Ob das Werk bis zur Eröffnung wieder hergestellt werden kann, ist zur Zeit noch unklar.

Mons zählt gut 90 000 Einwohner und gehört damit zu den kleinsten Städten, die bisher den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt trugen. Die einstige Tuchmacherstadt weiß diese Ehre zu schätzen. Viele der prächtigen Bürgerhäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert sind fertig renoviert, die Gassen neu gepflastert, der Große Platz herausgeputzt. Die Restaurierung des 87 Meter hohen barocken Belfried, der auf der Welterbeliste der Unesco steht, wird allerdings voraussichtlich erst im Frühjahr abgeschlossen.

Mons liegt in einem ehemaligen Kohlerevier, wie Fördertürme und Abraumhalden in der Umgebung bezeugen; die Stadt selber war allerdings stets Verwaltungszentrum und Universitätsstadt. Mit dem Label Kulturhauptstadt hofft Vasseur, die Region endgültig aus dem Schatten des postindustriellen Image zu holen. Mit den Verschönerungsarbeiten im Zentrum der Stadt ist man gut vorangekommen. Das für über 3 Millionen Euro umgebaute Kunstmuseum BAM konnte bereits im Herbst 2013 mit der Ausstellung „Andy Warhol. Leben, Tod und Schönheit“ auf die zukünftige Kulturhauptstadt aufmerksam machen. In der Werkschau wurden 130 Exponate von Andy Warhol gezeigt.

Nur der Bahnhof ist ein Problem, eine Riesenbaustelle, Kostenpunkt: 150 Millionen Euro. Er wird frühestens 2016 fertig werden, ursprünglich war man von einem deutlich früheren Termin ausgegangen. Um so stolzer verweist Vasseur auf das neue Kongresszentrum des Stararchitekten Daniel Libeskind. Der 32 Millionen Euro teure Bau aus Glas- und Metall - unmittelbar hinter dem Bahnhof - wird rechtzeitig fertig sein.

Dass die belgische Kulturhauptstadt finanziell so gut da steht, liegt unter anderem an der Person des Bürgermeisters Elio Di Rupo, Chef der sozialistischen Partei der Wallonie und von 2011 bis 2014 Premierminister des Königreichs Belgien. Seit 2001 lenkt er die Geschicke der Stadt; seitdem fließen die Millionen.

 

In Pilsen, der Stadt des Biers, setzt man auf Kunst und Unterhaltung

Da könnte man im tschechischen Pilsen glatt neidisch werden. Aber auch für 20 Millionen Euro, so der künstlerische Leiter Petr Forman, ist einiges möglich, vor allem mit Improvisationstalent. So war bereits im Herbst ein französisches Kinder-Karussell wie ein Ufo auf dem größten Platz der Industriestadt gelandet. Der „Manège Carré Sénart“ erinnert mit seinen Karussell-Figuren von Heuschrecken, Käfern und Büffeln an einen grotesken Kafka-Roman. Laut Forman - er ist einer der Söhne von Hollywood-Regisseur Milos Forman - bewegt sich das Karussell "an der Grenze zwischen Kunst und Unterhaltung“. Ihm liegt daran, auch jene Bewohner und Besucher Pilsens für das Kulturhauptstadtjahr begeistern, die ansonsten eher nicht ins Theater oder Museum gehen. So wird etwa das ganze Jahr über alle zwei Monate eine neue Zirkuskompanie Station machen.

Die Brauerei-Ruine in Pilsen konnte doch nicht saniert werden, wegen gefährlicher Baustoffe

Wer Pilsen sagt, denkt vor allem ans Bier. „Da führt kein Weg dran vorbei“, so Forman. Die Menschen in Pilsen seien stolz auf ihre Stadt - und besonders auf das hier erfundene Pils. Bis heute gibt es die kilometerlangen unterirdischen Gänge, in denen früher das „flüssige Gold“ kühl gelagert wurde. Eigentlich war geplant, eine ganze Kulturfabrik auf dem Gelände der Brauerei-Ruine Svetovar entstehen zu lassen - eine Synthese aus Braukunst und Kultur. Doch bei der Sanierung gab es Probleme mit gesundheitsgefährdenden Baustoffen, und die Künstler mussten eine neue Bleibe suchen. Sie fanden sie in einer ehemaligen Trolleybus-Halle der Verkehrsbetriebe, ein Ort mit industriellem Charme - für Workshops und Gastkünstler aus ganz Europa.

 

Lindauers Maori-Porträts wandern von Berlin nach Pilsen

Ein Ausstellungshöhepunkt des Jahres ist dem Maler Gottfried Lindauer (1839-1926) gewidmet, der von Wien nach Neuseeland ausgewandert war, wo er ungewöhnliche Porträts von Maori-Indianern schuf. Die Gemälde sind noch bis 12. April in der Alten Nationalgalerie in Berlin ausgestellt - und 2015 dann erstmals in Pilsen, der Geburtsstadt Lindauers. Wie in Berlin wird der Ausstellungseröffnung ein Tanz- und Gesangs-Ritural der Maori vorausgehen, denn für sie ist jedes Gemälde Ausdruck der Seele des Verstorbenen, so Forman. Eine weitere Ausstellung ist dem ebenfalls in Pilsen geborenen Animations- und Puppentrickfilmkünstlers Jiri Trnka (1912-1969) gewidmet, der unter anderem den Roman „Der brave Soldat Schwejk“ verfilmte.

Fürs Kulturhauptstadtjahr hat die einst rußgeschwärzte Industriestadt sich herausgeputzt. Am Renaissance-Rathaus glänzt das Stadttier - ein Kamel. Die Große Synagoge mit ihren roten Zwiebeltürmen im maurisch-romanischen Stil kann wieder besichtigt werden.Und die gotische Bartholomäus-Kathedrale bekommt Ersatz für ihre im Krieg eingeschmolzenen Glocken.

Und am 1. Mai, wenn die Stadt die Befreiung von den Nazis durch die US-Armee feiert, wird die Südstaatenband Lynyrd Skynyrd „Sweet Home Alabama“ singen - ein Geschenk des Fußballvereins Viktoria an die Stadt. Auch das ist ein Stück Pilsener Alltagskultur. Tsp/dpa

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